TANGO UND AYAHUASCA. Neue musikalische Stilrichtungen und neue Wege in der Arbeit mit Ayahuasca.

DER KAMPF ZWISCHEN DEN PURISTEN UND DEN REBELLEN

Es gibt Personen, die ihr Leben der Erhaltung von Traditionen widmen und es gibt Personen, die all ihre Energie und Zeit in die Erneuerung und den Wandel investieren, um das Bekannte in neue Formen und Modelle zu transformieren. Aber es gibt etwas, was sie beide nicht verstehen. 

Der Tango ist, als Musik- und Tanzstil, ständiger Transformation unterworfen. Das Phänomen der Geburt neuer Stilrichtungen durch die Fusion mit anderen Stilen ist etwas, das auf der ganzen Welt passiert, in fast allen Bereichen. Als ob wir verstanden hätten, dass originale Dinge aus etwas bereits Bestehendem geschaffen werden können und zwar nicht weil das, was wir bereits kennen inadäquat oder limitiert ist, sondern weil wir erkannt haben, dass alles, was wir bereits wissen eine Vorlage für all das ist, was wir erschaffen können. Als hätten wir eine Palette von Farben, Werkzeugen oder Optionen, die wir vermischen und so neue Kunstwerke erschaffen können.

In der Malerei, der Psychologie, der Spiritualität und auch in der Wissenschaft passiert das Gleiche. Ein Beispiel dafür ist die Astronomie, die früher gänzlich von der Biologie getrennt war. Aber nun haben sie sich zu einer neuen Wissenschaft vereint, der Astrobiologie, ohne die anderen beiden ursprünglichen Wissenschaften zu eliminieren oder zu ersetzen.

Auch der Schamanismus des Amazonas entkommt dieser Tendenz der Fusion und Transformation nicht. Trotz der Tatsache, dass er viele Jahrhunderte alt ist und auf starken Traditionen basiert, begannen sich in den letzten Jahren neue Ansätze zu entwickeln.

Ayahuasca, ebenso wie der Tango, besitzt Reinheit, Wurzeln, eine eigene Geschichte und einen eigenen Stil. Wenn Veränderungen am originalen Stil stattfinden, erscheinen auch die Puristen, welche versuchen den originalen Stil zu verteidigen, da sie sich von den anderen Stilen, die auf denselben Wurzeln basieren, angegriffen fühlen.

Astor Piazzola war ein grossartiger argentinischer Musiker und Komponist der 60er- bis 90er-Jahre, der von Anhängern des klassischen Tangos kritisiert wurde, da er sich vom originalen Tango distanzierte. Wieder und wieder entgegnete er: „Ich spiele keinen Tango. Ich benutze die Instrumente des Tangos, ein paar seiner Takte und einen Teil seiner Rhythmen, ich habe von den Meistern des Tangos gelernt, aber ich spiele keinen Tango.“ Er ist und war der grösste Revolutionär, den die argentinische Musik je hatte, denn er hat den Tango auf eine Art und Weise interpretiert, die es ihm erlaubte, einen neuen Stil zu erschaffen. Teilweise gleicht seine Musik dem Tango, andere Male ist die Essenz des Tangos kaum zu spüren, aber es ist kein Tango. Es ist ein musikalischer Stil, der nicht einmal einen eigenen Namen hat. Er wird der Piazzola Stil genannt, wegen des Namens seines Schöpfers.

In den 70er-Jahren nahm mich mein Vater ins Theater mit, damit ich Astor Piazzola sehen und hören konnte. Es waren nur knapp 20 Leute dort, mein Vater war einer seiner Fans und ich war, mit knapp neun Jahren, eindeutig der jüngste Fan dort. Mein Vater sagte damals zu mir: „Astor Piazzola ist über den Tango hinaus gegangen, er ist ein sehr evolutionierter Musiker.“ Aber ich war überrascht, dass nur so wenig Leute dort waren, um dieser aussergewöhnlichen Musik beizuwohnen. Zuzuhören, wie er das Bandoneon spielte, war wie die Teilnahme an einer Ayahuasca Session. Man konnte in einen sehr tiefen Prozess des Verstehens eintauchen. Durch Piazzola habe ich verstanden, was es heisst ein Instrument zum Sprechen zu bringen, anstatt es nur zu spielen. Er war ein sehr evolutionierter, aber ebenso missverstandener Musiker. Abgelehnt von den Puristen, weil er gegen die bekannten und anerkannten Wurzeln des Tangos verstiess.

Dasselbe passiert mit Ayahuasca. Es gibt Gruppen, die an den Traditionen, der Kultur und den rituellen Zeremonien festhalten. Aber andere haben sich von diesen Traditionen distanziert. Sie sind keine Ayahuasqueros, sie sind keine Schamanen oder Ayahuasca-Meister, aber sie nutzen Ayahuasca, um einen neuen Stil zu entwickeln. Sie veranstalten keine Zeremonien, sie machen keine energetischen Reinigungen, sie singen keine Icaros, denn sie haben ihren eigenen Stil geschaffen. Manche benutzen sogar ein Analog zu Ayahuasca, welches sie Anahuasca nennen. Eine selbstgemachte Variation dieses meisterhaften und originalen Rezepts. In all diesen Fällen wird, auch wenn die Wurzeln in Beziehungen mit Schamanen oder Reisen in den Dschungel liegen, den Personen, die eine Erfahrung mit Ayahuasca machen wollen, ein Dienst angeboten, der von der traditionellen und puristischen Art und Weise der «Abgabe von Ayahuasca» oder der «Ayahuasca Zeremonie» abweicht.

Wir selbst sind in unserem speziellen Fall (ich beziehe mich auf Inner Mastery International) das Ziel von viel Kritik und Angriffen und ich möchte klarstellen, dass wir RETREATS DER INNEREN EVOLUTION MIT PSYCHOTHERAPEUTISCHER ANWENDUNG VON 100% REINER, VON SCHAMANEN ZUBEREITETER AYAHUASCA durchführen (wir benutzen kein Anahuasca)! Die Teilnehmer können frei entscheiden, ob sie Ayahuasca einnehmen möchten oder nicht und zudem in Absprache mit den Moderatoren wählen, ob sie mehr oder weniger einnehmen wollen und ob sie in einer Nacht mehrmals Ayahuasca trinken möchten. Der Moderator kann selbst Ayahuasca einnehmen oder nicht. Die Session wird entweder von Musik (live oder ab Band) begleitet oder in Stille abgehalten. Es können 1, 5 oder 50 Teilnehmer anwesend sein und es gibt noch viele weitere Faktoren und Variablen, welche jede Nacht einzigartig und speziell machen. Die Einzigartigkeit jeder Nacht entsteht durch das spontane Modell, welches wir geschaffen haben und welches weltweit akzeptiert ist. Dieses Modell basiert darauf, die Teilnehmer und ihre individuellen Prozesse ins Zentrum des Prozesses zu stellen, nicht die Ayahuasca oder die Zeremonie, nicht die Traditionen und noch weniger die Person, welche die Session oder den Retreat leitet.

Es geht nicht darum Szenarien zu schaffen, in denen einzelne Moderatoren handeln und sich in den Vordergrund stellen können, sondern es geht um die Zusammenarbeit des gesamten Moderatorenteams. Alle Moderatoren teilen die Aufgaben unter sich auf, unterstützen zusammen die Teilnehmer und so können wir auch viele Personen gleichzeitig aufnehmen und unterstützen. Wir arbeiten nicht allein, sondern als Team. Aus diesem Grund arbeiten die Moderatoren in einem Länder-Rotationsmodus, sodass die Teilnehmer keine zu starke Bindung zu den Moderatoren aufbauen und sie nicht idealisieren. Dennoch hat jeder Moderator seinen eigenen Stil, was wir respektieren, denn wenn jemand gezwungen wird, den gleichen Stil immer und immer wieder zu wiederholen, dann arbeitet diese Person nicht ausgehend vom Bewusstsein, sondern ausgehend von einem Automatismus. Wiederholung ist deutlich einfacher als Veränderung. Das Wort Ritus selbst bedeutet Wiederholung. Rituale sind wiederholte Aktionen, basierend darauf, wie es zuvor getan wurde. Die Existenz von Ritualen macht viel Sinn, sodass die neue Generation bei sensiblen, spirituellen oder heiligen Praktiken innerhalb des bewährten Rahmens bleibt. Aber in Bezug auf die innere «Evolution» oder die «Erweiterung des Bewusstseins» ist es manchmal notwendig, die mit einer Aktivität verbundene Vergangenheit, Tradition und Kultur hinter sich zu lassen.

Genau diesem Prozess widme ich mich nun seit mehr als 30 Jahren: Alles ausprobieren, zusammenführen, neu gestalten, Stile transformieren, innere Suche, spirituelle Entdeckung, emotionale Blockaden lösen, das Herz öffnen, das Bewusstsein befreien, etc. Dafür habe ich mich sowohl mit östlichen als auch westlichen Techniken und Methoden auseinandergesetzt. Auf diesem Weg bin ich Ayahuasca begegnet und ab diesem Zeitpunkt war ich in der Lage harmonisch zusammenzuführen, was ich bis dato entdeckt und genossen hatte. Alles was ich oben erwähnt habe, sogar Ayahuasca, habe ich nun hinter mir gelassen, denn die Loslösung vom Bekannten war notwendig, um Raum zu schaffen für etwas Originales und Innovatives.

Das ist es, was wir mit der Welt teilen: Die Manifestation eines neuen Stils, einer neuen Art der Arbeit mit Ayahuasca und Psychotherapie, mit Schamanismus und Spiritualität, mit Meditation und so vielen wunderbaren Techniken, welche nicht die Hauptrolle spielen, so wie es die Puristen gerne hätten. Es ist eine Methode, die eine eigene Seele hat und das ist stimmt offenbar mit dem überein, was momentan viele Leute auf der Welt brauchen und suchen, unabhängig von ihrer Kultur, Religion oder Nationalität. Und das grossartige ist, dass dies die Traditionen nicht abwertet oder ersetzt, da weiterhin viele Leute den Zugang zu Ayahuasca durch uralte Rituale oder Zeremonien, erleben möchten. Jedem das seine, das einzig erforderliche ist der Respekt.

Ich selbst, habe es gewagt, etwas Neues zu erschaffen, mich von den Traditionen zu distanzieren und Elemente zu integrieren, die noch nie zuvor miteinbezogen worden waren. Deswegen bestätige ich, dass unser Angebot wahrhaft integrativ und «international» ist, denn es transzendiert sozio-kulturelle Grenzen. Ich empfinde grosse Dankbarkeit gegenüber Ayahuasca, da sie eine Meister-Pflanze der persönlichen Entwicklung ist und mir erlaubt hat, alles zu vereinen, zu verschmelzen und zu transformieren. Aus diesem Grund habe ich diese Organisation «AYAHUASCA INTERNATIONAL» genannt. Und der Name der Eigentümergesellschaft unseres Hotels im Amazonas heisst: «DANKE AYAHUASCA S.L.» Es ist offensichtlich, dass Dankbarkeit und Anerkennung für diese Pflanze in unserer Bewegung präsent sind. Auch wenn viele Traditionalisten und Puristen dies nicht verstehen, werden wir so weitermachen, mit unserem eigenen Stil.

Von ganzem Herzen danke ich den Taitas und Schamanen aus der kolumbianischen Region Putumayo, die unser Angebot akzeptieren und uns unterstützen, uns begleiten und uns lehren, was sie seit so Langem wissen, ohne in einen Konflikt zu geraten, mit unserer Art und Weise. Manche mögen uns kritisieren und angreifen, aber eines Tages werden sie verstehen.

Die Evolution des Bewusstseins hat zwei essentielle Komponenten: Erhaltung und Erneuerung, Schutz und Wandel. Beide Aspekte schaffen, jeder zu seiner Zeit, die Bedingungen für die Evolution.

Schwierig wird es erst, wenn es Personen gibt, die sich identifizieren und jene angreifen, die auf der anderen Seite sind, jene angreifen, die ein anderes Bewusstsein haben. Die Tradition ist nicht gegen das Neue, sie sind komplementär, denn die Tradition ist für den einen Moment und das Neue für einen anderen Moment. Vielleicht ist es das, was wir immer noch nicht verstehen können, dass es so ist, wie es im Buch der Prediger in der Bibel beschrieben steht: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“

In der Welt von Ayahuasca ist nun eine Zeit der Koexistenz angebrochen, welche zu Beginn Auseinandersetzungen und Attacken auslösen wird, aber letztendlich Teil eines weiteren Schritts des Evolutionsprozesses sein wird. Vergessen wir nicht, dass «Evolution» eine «Steigerung der Komplexität» bedeutet, ohne die wir nicht bereit sein können für das Neue.

Es scheint beinahe unwirklich und berührt mich, zu denken, dass ich vor 40 Jahren, als ich Astor Piazzola gesehen und gehört habe, in mir selbst die innovative und kreative Eigenschaft des Verschmelzens und Transformierens entdeckt habe, welche nach meinem Empfinden komplementär zur Eigenschaft des Erhaltens und Schützens von Traditionen ist. Denn diese Eigenschaften und die Menschen, die sie besitzen, sind zwei Manifestationen derselben ursprünglichen Kreation.

SOBERBIA 1

nosoy@albertojosevarela.com

Teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top